Ausbildungsnetzwerk „Oder-Spree“ für die Zukunft von jungen Landwirten

Vier Wochen als BrandenBlogger neigen sich dem Ende, als ich ein letztes Mal meine Recherchen mache, meine Sachen packe und … ins Auto steige. Mein E-Bike hatte ich bei meinem letzten Stopp in Biesenthal schon abgegeben. Den letzten Besuch beim Kreisbauernverband „Oder-Spree“ e.V. erledige ich also auf vier Rädern. Es geht bei Sonnenschein mit offenem Fenster in Richtung Osten. Und so sehr ich Autofahren hasse und sonst lieber mit Bus und Bahn unterwegs bin, finde ich es gerade ziemlich entspannt in der prallen Hitze nicht radeln zu müssen.

Zwanzig Minuten vor meinem Treffen im Kreisbauernverband mit Raja Beierlein erreiche ich einen kleinen Gasthof am Tiefen See. Spontan halte ich an, trinke einen doppelten Cappucchino, esse ein Eis und schaue mich um. Es ist unglaublich ruhig hier. Der See liegt idyllisch hinter den Kiefern und lädt zum Baden ein. Ein Blick auf die Uhr. Mein Zeitpuffer ist geschmolzen. Ich muss wohl später zum Baden zurückkommen.
 

 

Kreisbauernverband „Oder-Spree“ e.V.

Im Kreisbauernverband Oder-Spree haben sich 120 landwirtschaftliche Betriebe aus dem Landkreis Oder-Spree und Frankfurt/Oder zusammengeschlossen. Der Verein setzt sich für die Interessen seiner Mitglieder ein, realisiert eine übergreifende Imagearbeit für die Betriebe in der Region, informiert über Gesetze und engagiert sich für faire Preise.

Durch den Zusammenschluss im Verband haben die Mitglieder die Möglichkeit bessere Preise zu verhandeln, da sie größere Mengen anbieten können. Das funktioniert jedoch nicht immer. Nach der letzten Verhandlung der Milchpreise boten die Molkereien einen durchschnittlichen Preis von 31 Cent pro Liter Milch. Daraufhin gaben sechs Landwirte ihr Geschäft auf, zwei weitere überlegen noch. Mit nur fünf weiteren Cent pro Liter Milch hätten die Landwirte ihre Jobs und Höfe behalten können.

Die Schuld ist hier nicht beim Kreisbauernverband, sondern beim Verbraucher zu sehen. Die Deutschen sind im Supermarkt einfach nicht bereit etwas tiefer in die Tasche zu greifen. Außerdem existiert auf dem Markt ein Überangebot. Daher drücken die Molkereien den Preis.

Eine Lösung ist in der Region vielleicht in Sicht. Im Landkreis Oder-Spree ist Herr Meise von der Fürstenwalder Agrarprodukte GmbH gerade dabei eine regionale Molkerei aufzubauen. Das würde eine größere Unabhängigkeit von den Großmolkereien bedeuten.

 

Ausbildungsnetzwerk „Oder-Spree“ vom ESF gefördert

Einen der Auszubildenden der Fürstenwalder Agrarprodukte GmbH treffe ich wenige Minuten später. Philip ist im zweiten Lehrjahr und nimmt heute an einer Feldbegehung teil. Zusammen mit anderen Auszubildenden aus anderen Betrieben wird er sich heute einige Getreidepflanzen ansehen und die Möglichkeit haben praktische Erfahrungen zu sammeln.

Philip ist Azubi zum Landwirt

Das Ausbildungsnetzwerk ist eines der Leistungen des Kreisbauernverbandes. Etwa 20 Landwirtschaftsbetriebe haben sich dem Ausbildungsnetzwerk angeschlossen. Die Arbeit des Netzwerks unterstützt die Durchführung von Lehrunterweisungen, hilft bei der Prüfungsvorbereitung und organisiert Exkursionen. Gefördert wird das Netzwerk vom Land Brandenburg und dem Europäischen Sozialfonds. Ohne diese Fördermittel könnten der Kreisbauernverband und die Ausbildungsbetriebe die Kosten nicht stämmen.

Die Geschichte des Ausbildungsnetzwerkes ist eng mit Raja Beierlein verknüpft, auch wenn sie selbst zu bescheiden ist um das zuzugeben. Seit 1984 arbeitet Raja Beierlein in der Tierproduktion. Bis 2010 war sie auf dem Gutshof Oegelner Fließ für die Milchproduktion zuständig und überwachte u.a. die Gesundheit der Tiere und kontrollierte die Qualität der Milch. Schon damals arbeitete sie als Ausbilderin und vermittelte ihre Erfahrungen an die nächsten Generationen.

Im Jahr 2010 machte sie sich selbstständig und arbeitete in verschiedenen Landwirtschaftsbetrieben in der Ausbildung. Sie kümmerte sich um die Auszubildenen, gab Nachhilfe, bereitete Prüfungen vor und sorgte für die Vermittlung von praktischem Wissen.

Seit 2012 arbeitet Raja Beierlein im Kreisbauernverband und setzt damit ihre Arbeit in größerem Rahmen fort. Sie ist heute die Koordinatorin des Netzwerkes, organisiert Exkursionen und geht in die Betriebe. Dabei pflegt sie den direkten Draht zu den Auszubildenden, vermittelt auf menschlicher Ebene und lehrt praktisches Wissen in den Betrieben.

 

Raja Beierlein – Koordinatorin des Ausbildungsnetzwerks

Feldbegehung: Vermittlung von praktischem Wissen

Auch die heutige Feldbegehung mit den Herren Schlage (BASF) und Schmidt (KWS) hat sie organisiert. Wir steigen in die Autos und fahren aufs Feld hinaus.

Auf den ersten Feldflächen hat die KWS (Kleinwanzlebener Saatzucht) auf verschiedenen Teststreifen unterschiedliche Sorten der Wintergerste gepflanzt. Jede Sorte hat andere Eigenschaften und wächst in unterschiedlicher Geschwindigkeit und ganz verschieden je nach Bodenart, Temperatur, Pflanzzeit und Wasserverfügbarkeit. Diese Unterschiede der Sorten werden den Auszubildenen erklärt. Vor der Saat wurde die Bodenqualität auf der Fläche analysiert. So können Rückschlüsse auf bestimmte Sorteneigenschaften geschlossen werden.

Ergebnis der Bodenanalyse

Weitere Rückschlüsse werden aus der Produktion vermittelt. Vor jeder Feldfläche befindet sich ein Informationsschild. Auf diesem wird darüber informiert wann die Aussaat erfolgte, wann Unkraut bekämpft, die Pflanze gedüngt wurde sowie wann Insektizide, Fungizide und Wachstumsregler gespritzt wurden. Herr Schlage informiert über die besten Zeiträume für die Saat und das Spritzen. Beispielhafte Flächen wurden nicht mit Fungiziden behandelt. So haben die Auszubildenden die Möglichkeit Unterschiede in den Pflanzen festzustellen.

Produktion der Wintergerste in der Übersicht
Hier wurde nicht gegen Pilze gespritzt

Herr Schlage erklärt die Produktion
Hier kam ein Wachstumsregler zum Einsatz

Nach dem wir uns die Felder mit der Gerste angesehen haben, sehen wir weitere Felder mit Roggen, Raps und Weizen. Das Prozedere ist immer gleich. Die Experten von BASF und KWS stellen die Pflanzen vor, erfragen typische Erkrankungen und natürliche Feinde von den Auszubildenden und erklären die optimale Produktion bis zur Ernte. Ziel eines jeden Feldes ist die möglichst ertragsreiche Ernte.

Nach den ersten zehn Minuten vor dem Feld der Wintergerste steige ich gedanklich aus. Der Getreideanbau ist wesentlich komplexer, als ein Laie ihn sich vorstellt und hängt von unglaublich vielen Faktoren ab. Um die Felder immer gut im Blick zu haben, ist ein Landwirt jede Woche auf dem Feld und inspiziert seine Pflanzen. Nur so kann bei Erkrankungen oder Insektenbefall schnell reagiert werden.

Vielleicht hilft uns allen dieses Wissen über den enormen Aufwand und eine große Abhänigkeit von vielen Umwelteinflüssen den Wert von landwirtschaftlichen Produkten besser wertzuschätzen.