WP Systems – Innovative Rotorblattwartung von Windkraftanlagen

Angenommen du hättest eine Idee für eine Innovation. Wie viel würdest du geben, um deine Idee umzusetzen? Würdest du deinen Job kündigen? Würdest du jahrelang die Gebühren für deine Krankenkasse von deinem ersparten Geld zahlen? Würdest du mehrere tausend Euro investieren, um deine Idee zu patentieren?

Was ist, wenn du dich verzockst? Wenn du alles auf die falsche Karte gesetzt hast?

Ich stehe mit Holger Müller, dem Gründer von WP Systems, in der Werkstatt des Unternehmens in Ruhland. Vor uns steht der Prototyp der weltweit ersten geschlossenen Wartungskammer für die Wartung von Rotorblättern einer Windkraftanlage. Ich kann die Dimension seiner Idee nur schwer greifen, daher gebe ich dem 54-jährigen Gründer einen kleinen Einblick in meine Gedankenwelt.

Er muss nicht lange überlegen und stellt fest, dass jeder Mensch Zweifel hat. Aber bei ihm war es so, dass ihn das noch stärker gemacht hat. Als Probleme auftraten, hat er nach Lösungen gesucht. Als man ihn belächelte, hat er zurück gelächelt und noch härter an seiner Idee gearbeitet. Als man ihm sagte, sein Vorhaben sei nicht möglich, nahm er einen Stift und schrieb an die Wand hinter seinem Schreibtisch „Alle sagten: Es geht nicht. Dann kam einer, der wusste das nicht und hat’s gemacht.“

Es ist beeindruckend wie viel Energie, Zeit und Geld Holger Müller in eine Idee gesteckt hat, die jetzt, erst nach einigen Jahren, endlich anfassbar wird. Aber beginnen wir lieber am Anfang, im Jahr 2000.
 

 

 

 

Von einer Fachkraft für Rotorblatt-Instandsetzung zum Erfinder

Holger Müller ist zertifizierte Fachkraft für Rotorblatt-Instandsetzung. Davon gibt es in Deutschland ungefährt 2000 Menschen. Und das sind Menschen, die definitiv nicht unter Höhenangst leiden dürfen. Rotorblattinstandsetzer klettern nämlich an Seilen oder in einer Wartungskammer am Rotorblatt einer Windkraftanlage entlang. Sie inspizieren den Zustand von Material und Lack.

Die Spitze eines Rotorblatts bewegt sich mit einer Geschwindigkeit von etwa 300 km/h und kreist vergleichsweise in zwei Jahren ganze fünf Mal um den Erdball. Staub und Nässe sorgen bei dieser hohen Geschwindigkeit für einen natürlichen Verschleiß. Als Rotorblattinstandsetzer ist man auf der Suche nach Schäden am Material, um diese direkt zu beheben. Bis 2005 arbeitete Holger Müller in dem Job. „Ich hatte viele schöne Momente, habe viele schöne Fotos gemacht, die man gut bei einem Grillabend zeigen konnte, aber es gab auch weniger schöne Erlebnisse“, sagt er.

Die Arbeit am Rotorblatt ist nichts bis zum Rentenalter. Hinzu kommt, dass für Idealbedingungen es etwa 15 bis 25 Grad Celsius warm sein muss. Außerdem sollte es staubfrei und trocken sein. Diese Bedingungen findet man in Deutschland an etwa 80 bis 90 Tagen im Jahr. Das hat zur Folge, dass Rotorblattinstandsetzer oft in den Sommermonaten drei bis vier Monate am Stück unterwegs sind und arbeiten. In dieser Zeit müssen sie so viel Geld verdienen, sodass sie sich das restliche Jahr finanziell über Wasser halten können. Ein harter Job.

Als Holger Müller sich mir vorstellt, beginnt er mit seiner Familie. Ich kann mir ganz genau vorstellen, was ihn an diesem Job gewurmt hat. Und was er vermisst hat.

Bereits im Jahr 2002 meldete er sein Patent für ein geschlossenes Wartungssystem an. Die Idee dahinter? Arbeiten bei diversen Wetterverhältnissen unter werkstattähnlichen Bedingungen. Er wollte nicht mehr am Seil hängen, wollte sich nicht mehr von Wartungsbühnen meterweit an das Rotorblatt beugen und auf gutes Wetter hoffen.

Von 2005 bis 2010 arbeitete er bei einem Automobilzulieferer und tüftelte parallel an seiner Idee. Erst 2010 begann er damit an seiner zukünftigen Unternehmung zu arbeiten. Es war eine zeit- und kostenintensive Zeit, erzählt er mir. 2014 lernte er den Entwicklungsleiter Ole Renner sowie Jan Boesner vom Leichtbau-Zentrum Sachsen (LZS) kennen. Beide waren von der Idee Müllers begeistert und schlossen sich ihm an.

 

Modell der Wartungskammer

 

Prototyp der Wartungskammer.

Wegen EU-Förderung nach Brandenburg

Die gebürtigen Sachsen wurden 2015 auf die EU-Förderprogramme im Bundesland Brandenburg aufmerksam. Ein Treffen mit der Senftenberger Wirtschaftsförderung und einem Kundenberater der ILB mündeten innerhalb von 14 Tagen zu einem Gespräch mit dem Geschäftsführer der ILB sowie der Wirtschaftsförderung Brandenburg (WFBB) (vor dem 10.04.2017: ZukunftsAgentur Brandenburg ZAB).

Mit dem Ergebnis, dass WP Systems vom Förderprogramm Profit des EFRE unterstützt wurde. Damit konnte der Bau des Prototypen finanziert werden und die Sachsen verlagerten ihren Unternehmenssitz nach Brandenburg.

Einer der vielen Vorteile der Wartungskammer ist das bewegliche Boden- und Dachplattensystem, das sich beliebig an die Form (durch Drehung) und Breite (durch Öffnen und Schließen der Platten) des Rotorblatts anpassen kann. Damit ist das System für alle Hersteller von Windenergieanlagen und freie Werkstätten interessant.

Und wenn man bedenkt, dass es alleine in Deutschland 28.000 Windkraftanlagen gibt, deren Rotorblätter mindestens alle zwei Jahre gewartet werden müssen, kann man den enormen Nutzen der Anlage erkennen.

Bis zur Husum Messe Mitte September soll der Prototyp fertiggestellt werden. Dort wird die geschlossene Wartungskammer von WP Systems vermutlich für ordentlich Aufsehen sorgen.

Nach der Fertigstellung des Prototyps wollte Holger Müller eigentlich etwas kürzer treten. Aber während der Arbeiten an seinem Herzensprojekt schossen ihm immer mehr neue Ideen durch den Kopf. Ich vermute so schnell wird das nichts mit einem entschleunigten Arbeitstag.

Ich wünsche ihm von Herzen, dass alle Projekte gut gelingen und ihm dennoch Zeit für die Familie bleibt.